Die Ergebnisse der Aufarbeitungsstudie
Hier findet ihr den gesamten Forschungsbericht. Wir arbeiten derzeit noch an einer Arbeitshilfe, die wir euch für eine bessere Verständlichkeit gerne zur Verfügung stellen.
Triggerwarnung: Der Forschungsbericht enthält explizite Erzähllungen von sexualisierter Gewalt
Aufzeichnung der Pressekonferenz zur Ergebnisveröffentlichung der Aufarbeitungsstudie
FAQ zur Studie
Die folgenden Fragen hat der Aufarbeitungsbeirat mit dem Forschungsteam besprochen. Einige Fragen stammen zudem aus einem QandA auf unserer Instagram-Seite.
Warum werden quantitative Daten von Personen mit der Geschlechterangabe „divers“ o. ä.
nicht in die Auswertung miteinbezogen?
Für eine statistische Auswertung muss eine Mindestquote erreicht werden, was in diesem Fall nicht möglich war. Außerdem wäre eine Deanonymisierung schwierig.
Gibt es eine wissenschaftliche/fachliche Definition für einen Verband als „Erziehungsverband“?
Es gibt in der Wissenschaft keine explizite Definition dafür. Es gibt allerdings Vorgaben der öffentlichen Jugendhilfe, auf die sich die DPSG auch bezieht. Die Bezeichnung als Erziehungsverband weckt den Eindruck über eine vermeintliche Professionalität und Erziehung und weckt Erwartungen. Dadurch ergibt sich eine Schieflage, über die es sich lohnt nachzudenken. Es gibt dementsprechend auch keine Pfadfinder*innenpädagogik. Eine wichtige Erkenntnis ist es, dass auf dem Papier überall viel Pädagogik drinnen steckt. Es muss kontrolliert werden, wie viel Pädagogik dort tatsächlich ist.
Inwiefern wurde das Awarenesskonzept auf Bundesebene – die sogenannte Schutzhütte –
in die Studie einbezogen?
Das Konzept wurde nicht untersucht und entsprechend gibt es keine Erkenntnisse. Das wäre eine weitere Fragestellung gewesen, die für dieses Projekt aber überfordernd gewesen wäre. Es ist aber sicherlich spannend und sinnvoll, noch einmal darauf zu schauen. Während Pfingsten in Westernohe gab es eine Zusammenarbeit mit der Schutzhütte, um Befragte bei Bedarf weiterzuleiten. Das Thema Schutzhütte kam in den Interviews nicht auf und es gibt keine Belege, dass sie nicht sinnvoll ist.
Inwiefern ist laut Forschungsstand/Expert*innen geschlechtergetrennte Unterbringung
ein noch wirksames und geeignetes Schutztool?
Wie gehen wir damit um, wenn wir Gruppen mit Trans* und genderfluiden Personen dabeihaben?
Es gibt dazu keine Studien. In den Interviews haben aber viele weibliche Personen davon berichtet, dass sie gezwungen wurden, geschlechtergemischt zu schlafen, auch wenn sie sich damit nicht wohlgefühlt haben.
S. 113 „Die Settings der DPSG – etwa Lager, Fahrten oder Rituale – sind ‚körpernah‘.“
Sind diese körpernahen Settings verbreitete und feste/häufige Bestandteile der DPSG?
Können die Settings der DPSG als grundsätzlich „körpernah“ beschrieben werden?
Ja, in der DPSG gibt es viele körpernahe Praktiken. Viele Vorfälle sind dabei Teil des Groomings. In diesem Bereich ist es für Betroffene immer schwer mitzuteilen, wenn ihnen Situationen zu körpernah sind. Es gibt in der DPSG viele körpernahe Rituale und auch auf Fahrten, Lagern und in kleinen Gruppenräumen kommen die Mitglieder auf engem Raum zusammen. Es ist wichtig, dass Menschen sagen können, dass sie etwas nicht wollen. Eine Abgrenzung muss immer möglich sein. Oft finden die körpernahen Situationen in kontrollfreien Situationen statt.
Wie stellen Sie sich weitere Forschung in diesem Bereich vor? Gibt es eine Empfehlung?
Der Zugang zu den Ausschlussverfahren und den Archiven war nur sehr begrenzt möglich. Daher wäre es sinnvoll, einen weiteren Blick auf den historischen Verlauf zu werfen. Dafür braucht es aber einen besseren Datenzugang.
Eine weitere Forschungsfrage wäre, wie die Zusammenabreitet mit Jugendämtern und deren Wächterfunktion auf Jugendverbände aussieht und aussehen sollte.
Würden Sie die Woodbadge-Ausbildung nicht als systematische Ausbildung einordnen?
Oder ist sie es nur in der Theorie, aber in der Praxis fehlt es an einer solchen?
Derzeit kontrolliert niemand, wie und ob die Ausbildung funktioniert. Dabei sollten sowohl die Inhalte als auch die Teamenden regelmäßig evaluiert werden. Zusätzlich sollte kontrolliert werden, ob die Inhalte gut angewendet und vermittelt werden können. Die gesamte Ausbildung muss auf den Prüfstand gestellt werden. Es gibt dazu bisher kaum Quellen. Nur weil die DPSG ein Ausbildungskonzept hat, heißt das noch nicht, dass alle Leitenden die Ausbildung haben. Zudem sollte es in der Ausbildung einen Hinweis auf Selbstfürsorge geben. Dadurch, dass auch viele Teamende überfordert sind, lehrt das den jungen Leitenden keine Selbstfürsorge. Dabei sollte geschult und vorgelebt werden, dass Grenzen gewahrt werden dürfen.
Wie sähe also eine anzustrebende Alterspanne von Leitenden in der DPSG aus?
Es gibt keine ideale Vorgabe. Das Alter von Leitenden ist ein zweiseitiges Problem. Auf der einen Seite gibt es junge, überforderte Leitende. Andererseits stellt sich bei alten (männlichen) Personen mit einem deutlichen Altersunterschied die Frage, warum diese dabei sind. Es gibt allerdings keine Altersspanne, in der Männer keine Täter sind. Die Lösung auf den bestehenden Leitendenmangel kann nicht sein, jede Person unhinterfragt leiten zu lassen. Das Ziel kann nicht eine schlechte Qualität des Leitungsstils sein nur damit das Stammesleben fortbestehen kann. Es ist für die Zukunft wichtig, die Überforderung und das Risiko abzubauen.
Wie geht es weiter? Was kann ich jetzt in meinem Stamm machen?
Erstmal ist es wichtig, dass möglichst alle die Ergebnisse kennen, verstehen und reflektieren. Dafür gibt es in den nächsten Wochen digitale Austauschformate für Verbandsmitglieder, Eltern und Interessierte sowie Betroffenenforen. Parallel arbeiten wir jetzt schon an Materialien und Methoden, die euch bei diesem Schritt in euren Stämmen unterstützen. Danach müssen wir gemeinsam, mit der Expertise von externen Fachexpert*innen und Betroffenen schauen, was nachhaltige Konsequenzen sein müssen. Dabei sind wir alle gefragt. Schon jetzt könnt ihr im Stamm mit der Grundlage der Ergebnisse eure Strukturen, Rituale und Traditionen hinterfragen und reflektieren, ob sie mit einem sicheren Kinder- und Jugendschutz vereinbar sind.
Wie stellen wir sicher, dass alle Leiter*innen eine Präventionsschulung haben und ihr Führungszeugnis einreichen?
Das ist eine wichtige Frage, die die Studie aufwirft. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen, wie wir besser sicherstellen können, dass alle Leiter*innen eine aktuelle Präventionsschulung haben und ein eintragsfreies erweitertes Führungszeugnis vorweisen können. Wir sind außerdem derzeit schon im Zusammenhang mit der neuen NaMi am Prüfen, wie wir das Verfahren der Führungszeugnisse und deren Einreichung erleichtern können.
Warum haben wir keine Juleica Kurse für 16-jährige?
Als Verband haben wir uns schon vor vielen Jahren entschieden, dass Leiten erst ab 18 möglich ist. Grund dafür ist auch, dass junge Rover*innen nicht in Verantwortungspositionen gedrängt werden sollen. Die Studie bestätigt uns darin. Diese zeigt, dass es besonders bei jungen Leiter*innen oft zu einer Überforderung trotz Ausbildung kommt. Gleichzeitig zeigt die Studie auch, dass gerade dort zwischen Leiter*innen und Schutzbefohlenen „Beziehungen“ entstehen, wo der Altersabstand gering ist. Gerade hier ist die Gefahr von sexualisierter Gewalt und Grooming besonders groß.
Warum hat die DPSG sanitäre Einrichtungen, die nicht getrennt oder abschließbar sind?
Das stimmt. Es gibt Zeltplätze und Häuser der DPSG und von vielen anderen Träger*innen, die leider nicht den Präventionsstandards entsprechen, die aber von DPSG-Gruppen genutzt werden. Das muss sich in der Gesamtheit ändern. Wir wissen aber auch, dass es sich nicht immer verhindern lässt, an solchen Orten mit der Gruppe oder dem Stamm zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass ihr euch schon im Vorfeld über die Gegebenheiten der Wasch- und Toilettenmöglichkeiten des Zeltplatzes oder des Hauses erkundigt und bei Notwendigkeit Alternativen bietet, die den Präventionsstandards entsprechen.
Wurde das System der Georgspunkte im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt untersucht?
Ja. In der Studie werden diese erwähnt. Seit mehreren Jahren gehen wir als Bundesverband aktiv gegen Initiativen und Seiten vor, die diese verherrlichen und daraus einen Spaß machen. Georgspunkte sind kein Spaß und klar als sexualisierte Gewalt zu verurteilen. Weitere Informationen findet ihr z. B. ab S. 90 in der Studie
Welcher Zeitraum wurde beleuchtet?
Grundlegend haben die Forschenden auf einen Zeitraum vom Gründungsjahr 1929 bis 2024 geforscht. Ziel des Forschungsdesigns ist jedoch nicht, grundlegend (Fall)Zahlen zu konkreten Jahreszahlen und Orten zu nennen. Auch bei der zeitlichen Betrachtung geht es vor allem um die Betrachtung von Strukturen und Systemen, die sexualisierte Gewalt begünstigen oder begünstigt haben.
Was versteht ihr unter spiritualisierter Gewalt?
Der Begriff ist noch relativ unerforscht. Im Forschungsbericht heißt es in etwa: „Spirituelle Gewalt ist eine emotionale und psychische Gewaltform im religiösen Kontext. Dabei nutzen Personen ihre religiöse oder moralische Autorität aus, um Macht über das Gewissen anderer auszuüben.“ (vgl. Forschungsbericht, S. 14) Weitere Details findet ihr unter Kapitel 1/2.1
Wie repräsentativ ist die Studie für einzelne Stämme und Bezirke?
Die einzelnen Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ, jedoch zeigt die Studie eindeutig und unmissverständlich, wie Systeme und Strukturen in der DPSG sexualisierte Gewalt begünstigen oder gar im Bereich Kinder- und Jugendschutz versagen. Sie zeigt auch die Vielfältigkeit der Kulturen und Traditionen in unseren Untergliederungen, die teilweise leider höchst problematisch und gefährdend sind. Dabei geht es nicht allein um die einzelne Kultur oder Tradition an sich, sondern vor allem darum, dass es überhaupt möglich ist, dass solche Kulturen und Traditionen in der DPSG über viele Jahre hinweg unhinterfragt und möglich sind.