Kinderarbeit
Mehr als 210 Millionen Jungen und Mädchen sind nach Schätzungen weltweit Kinderarbeiter, das heißt, diese Kinder, die zwischen 5 und 15 Jahren alt sind, arbeiten regelmäßig mehrere Stunden. Unter ihnen sind 126 Millionen Kinder, die unter gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen schuften. Viele von ihnen schuften wie Sklaven und werden wie eine Ware gehandelt.
In vielen unterschiedlichen Produkten steckt die Arbeit von Kindern. Kinder schleifen Diamanten, arbeiten in Steinbrüchen und stickigen Fabriken oder schuften auf Plantagen. Der Besuch einer Schule bleibt für viele Kinder ein unerreichbarer Traum.
Die meisten Kinder sind im so genannten informellen Sektor tätig, also dort, wo Arbeit selbstorganisiert ist und es weder Verträge noch Sozialleistungen gibt: Sie arbeiten mit ihren Eltern in der Landwirtschaft, sie verdingen sich auf den Straßen der großen Städte als Schuhputzer oder Lastenträger, sie schuften isoliert und ohne Pause als Dienstmädchen. Etwa zehn Prozent der Kinderarbeiter sind in Betrieben oder auf kommerziellen Plantagen beschäftigt. Ein Teil der dort hergestellten Waren wird auch zu uns exportiert.
Extreme materielle Armut ist die Hauptursache dafür, dass Kinder ihre Familien unterstützen müssen, um den gemeinsamen Lebensunterhalt zu sichern. Allerdings ist die Annahme falsch, dass die Ausbeutung von Kindern automatisch endet, wenn die Wirtschaft wächst. Manchmal steigt gerade dann die Kinderarbeit enorm an, weil billige und willige Arbeitskräfte gesucht werden. Die Textilindustrie ist dafür ein Beispiel.
Aber es ist auch sinnvoll, Arbeit für Kinder nicht pauschal zu verteufeln, wenn sie nicht ausbeuterisch ist: In vielen Ländern und Kulturen wird die Mithilfe der Kinder sehr positiv gesehen. So wachsen sie langsam in ihre Rolle hinein und übernehmen Schritt für Schritt Verantwortung. Dabei darf die Arbeit natürlich nicht in Ausbeutung ausarten.
Quellen und weitere Informationen: terre des hommes
Praxistipps für die Gruppenstunde:
- Schuhputzer auf Zeit
- In Bolivien und vielen anderen Ländern in Lateinamerika sind Schuhe putzen an öffentlichen Plätzen und Autofenster waschen an roten Ampeln typische Dienstleistungen, die von Kindern angeboten werden. In der Gruppenstunde können diese Tätigkeiten einmal ausprobiert werden und Erfahrungen gesammelt werden, wie es den arbeitenden Kindern ergeht. Im anschließenden Gespräch können die Gründe besprochen werden, warum Eltern ihre Kinder arbeiten lassen und welche Auswirkungen das auf die Zukunft der Kinder hat.
- Hände können viel...
- In der Gruppenstunde können Gipsabdrücke der Hände hergestellt werden (oder nachgezeichnet und dann ausgeschnitten). Zuerst schreibt jeder in/neben seine Hand eine Tätigkeit, die er/sie mit seinen Händen tut. Nun folgt eine Einführung ins Thema "Kinderarbeit", in der die Tätigkeiten von Kindern in den Ländern des Südens beschrieben werden. Anschließend werden in zusätzlich ausgeschnittenen Händeumrissen die Tätigkeiten dieser Kinder beschrieben. Abschließend können alle "Hände" auf einem öffentlichen, gut sichtbaren Schauplatz ausgestellt werden. Vielleicht könnt ihr das auch mit einer Schuhputzaktion (s.o.) verbinden und so eine tolle Aktion in der Öffentlichkeit machen?
- Tagesablauf eines Kinderarbeiters
- Lest die Geschichte von Sidnei (s.u.). Vergleicht seinen Tagesablauf mit dem eigenen Tagesablauf. Überlegt anschließend in welchen Produkten, die bei uns verkauft werden, noch Kinderarbeit stecken könnte.
- Weitere Ideen für die Gruppenstunde gibt es hier.
Filme:
- Fenn, Manuel: Lisandro Will Arbeiten. Deutschland: 3 Sat, 2005 (30 Min.)
- Der 14jährige Lisandro lebt in Lima, Peru und geht regelmäßig arbeiten. Damit verdient er sein Schulgeld und unterstützt die vaterlose Familie. Er ist aktives Mitglied in einer Jugendorganisation, wo er für legale Kinderarbeit kämpft.
- Terre des Hommes: Recht auf Arbeit.
- Deutschland: Terre des Hommes/Pro Fund, 2000 (22 Min.) Der Film schildert den Lebensalltag arbeitender Kinder in Bolivien und Peru und beschreibt die Lebenssituation von Kindern in der Bergarbeiterstadt Llallagua, in der durch den Verfall des Zinkpreises auf dem Weltmarkt Menschen einer ganzen Region arbeitslos wurden. Am Titicacasee ist Ernährungssicherung durch Artenvielfalt einer der Schwerpunkte der terre des hommes-Arbeit. In Lima wird das Projekt Manthoc vorgestellt, das heute wohl bekannteste Kinderarbeitsprojekt Lateinamerikas.
Bücher:
- Die Schule der Armen von Tahar BenJelloun
- Die Familien eines armen westafrikanischen Dorfes können auf den Dollar pro Tag, den ihre Kinder verdienen, nicht verzichten. Darum steht der Lehrer vor leeren Bänken, während seine Schüler Turnschuhe und Fußbälle fertigen. Er ist zunächst der Einzige, der gegen Armut und Ungerechtigkeit aufbegehrt. Doch sein Einsatz bleibt nicht ohne Erfolg: Bald kommen wieder ein paar Kinder zum Unterricht. Bildung füllt zwar im Moment keine hungrigen Mägen, aber sie birgt die einzige Chance für eine bessere Zukunft! (Ab 12 Jahren)
Sidnei erzählt
Seit vier Stunden schon wühlt sich Sidnei durch Blätter und Äste. Flink schnappt sich der zwölfjährige eine Orange nach der anderen und stopft sie in den großen umgehängten Sack. Dann rückt er die Leiter zurecht, um die Spitzen abzupflücken. Seit sieben Uhr geht er von Baum zu Baum auf einer Plantage, deren Ende nicht zu sehen ist. "Mein Alltag?" sieht er erstaunt auf. "Hmm. Was soll ich schon dazu sagen? Er besteht nur aus Arbeit. Da gibts wenig Zeit. Um fünf Uhr stehe ich auf, geh aus dem Haus und nehme den Bus, der zum Orangenhain fährt. Wenn alles abgeerntet werden soll, dauert das manchamal bis acht Uhr abends. Aber wenn es wie heute ist, fahren wir um fünf oder halb sechs wieder zurück." Seit einem Jahr arbeitet der kleine schmächtige Junge mit Vater und Bruder auf den Orangenplantagen rund um die Stadt Itàpolis im Inneren des Bundesstaates Sao Paolo. 60 Kisten zu je 30 Kilo füllt er pro Tag, die dann von einem Lastwagen abgeholt werden. Wohin die Früchte gehen, interessiert ihn kaum. Dass sie auch in Übersee landen, weiß er nicht. Seine Gedanken drehen sich um die Gefahren, die ständig auf ihn lauern. Wie etwa die vielen Bienen, unter denen auch die agressiven "Killerbienen" zu finden sind, die oft in Schwärmen angreifen. "Klar bin ich schon gestochen worden. Auch einmal am Auge. Das ist ganz dick geworden, war ganz schön schlimm", berichtet der Junge. "Gestern zum Beispiel habe ich plötzlich einen Bienenstock vor mir gesehen und bin gleich weggerannt. Denn da sollte man nicht dran gehen, weil sie dich packen." Sidnei wischt sich den Schweiß aus der Stirn. "Aber Schlangen gibts auch. Wenn das Gras hoch ist, muß man enorm vorsichtig sein. Wenn nicht, beißen sie dich. Und dann mußt du sehen, dass du schnell ins Krankenhaus kommst. Manche haben zwar kein Gift, aber oft gibts giftige Schlangen." Der Junge schüttelt sich. "Ich habe mal in einem Hain gearbeitet, wo es viele Klapperschlangen gab. Da hatte ich ständig Angst." Fast vergessen machen diese Gefahren aber die eigentlichen Lasten, die Sidneis Körper ständig zu tragen hat. "Naja, schwer ist die Arbeit auch", brummelt der Junge, in sein Schicksal ergeben, in sich hinein. "Wir müssen ja viele Kisten tragen, die Leiter und so, das ist schon schwer." Und nach kurzem Nachdenken fällt ihm ein: "Ja, und schlecht ist es auch, wenn es regnet. Da ist der Boden aufgeweicht, und wir arbeiten vollkommen durchnässt. Du bekommst eine Grippe und hast nicht mal das Geld, dir Medikamente zu kaufen." Am liebsten würde er ja in einer Bank arbeiten, gesteht der 12-jährige noch, als er zwischen den Blättern des nächsten Baumes verschwindet. Aber daraus wird wohl nichts mehr. "Ich muß jetzt arbeiten, um zu hause meinen Eltern zu helfen." Ohne die Hilfe der beiden Söhne nämlich käme der Vater gerade auf einen Mindestlohn von umgerechnet 50 Euro. Das jedoch reicht für die siebenköpfige Familie nicht, die vor einigen Jahren hierher kam. Und wer weiß, wie lange der Vater überhaupt noch mit seinen Rückenschmerzen pflücken kann. Sidnei hat nicht einmal die vierte Klasse abgeschlossen.
Aus: "Kinderarbeit und Orangensaft" Hg.: Dritte Welt Haus Bielefeld, 1995


