Reise durch Bolivien
25. August, Santa Cruz: “Keks” im Kinderdorf
Seit vorgestern sind wir in Santa Cruz, der im Osten gelegenen reichsten Stadt des Landes. Nach den wirklich stressigen Tagen in Oruro und La Paz haben die Cruzeños gestern erst mal einen Tag Erholung gegönnt. Wir waren im “Güembé”-Park. Bekannt ist der vor allem für seine Schmetterlingszucht, in der man alles einheimischen, sehr farbenfrohen Arten dieser Insekten bewundern kann. Wir haben vor allem die 14 Pools und die Hängematten genossen...
Heute waren wir zuerst in “Plan 3000”, einem der ärmeren Stadtteile Santa Cruz’, auf dem die Stadt viele Landflüchtlinge angesiedelt hat. Dort haben wir den jüngsten ASB-Stämme des Distriktes besucht, der erst vor wenigen Monaten eröffnet wurde. Er kommt in dem Stadtteil gut an, weil Eltern eine sinnvolle Beschäftigung für ihre Kinder suchen, wenn Vater und Mutter selbst beide arbeiten. Der Stamm ist innerhalb weniger Wochen von zehn auf 52 Mitglieder gewachsen. Heute, als die Pfadfinder auf einem Platz warteten und sich die Zeit mit Spielchen vertrieben, kamen vier weitere Eltern, um zu fragen, wie sie ihre Kinder anmelden können.
Die Leiter des Stammes zeigten uns, welche Projekte sie an der Schule, an der sie sich treffen, durchführen. In einem Gemüsegarten lernen die Kinder, selbst Tomaten, Salat und anderes Gemüse zu ziehen und mit Kompost zu düngen. Viele der Neupfadfinder haben bereits begonnen, auf den Grundstücken, die in “Plan 3000” fast immer zu den Häusern gehören, selbst gesunde Nahrung anzubauen. Außerdem bauen die Pfadfinder ein kleines Häuschen, dessen Dämmung aus PET-Flaschen besteht, die mit Sand gefüllt sind.
Am Nachmittag waren wir dann im Kinderdorf “Alalay”. Dort arbeitet ehrenamtlich “Keks”, die eigentlich Johanna heißt und Pfadfinderin bei Heidelberg ist. Sie hat uns in den letzten zwei Wochen auf unserer Tour durch Bolivien begleitet, das seit Februar und noch bis Oktober ihre Heimat ist.
In dem Dorf wohnen rund 70 Kinder, die meisten von ihnen ehemalige Straßenkinder, die vor Schlägen und Missbrauch von zu Hause geflüchtet waren. Auf der Straßen haben sie oft Erfahrungen mit Drogen gesammelt, die haben Klebstoff geschnüffelt und sich in manchen Fällen – im Alter von zehn Jahren – prostituiert.
Zu “Alalay” kommen die Kinder freiwillig. Sie werden dort in einen festen Tagesrhythmus eingebunden, lernen Dinge wie die Häuser sauber zu halten, Brot zu backen und zu nähen. Am beliebtesten ist aber der Unterricht im Umgang mit Computer und Internet.
Keks macht die Arbeit Spaß – auch wenn sie etwas ganz anderes sei, als der Umgang mit ihren Jungpfadfindern. Sie habe strenger werden müssen. Sie weiß zwar noch nicht, was sie nach ihrem Job bei Alalay machen will. Aber Erzieherin will sie nicht werden.
Marius Meyer
Donnerstag, 21. August: 2. Station der Süd-Tour - Salar de Uyuni
Der Abschied in Tarija fiel uns allen schwer, hatten wir in den vergangenen vier Tagen doch so viel Spannendes und Interessantes mit "unseren" Bolivianern erlebt. Die private Unterbringung bei den Leitern sorgte für intensive Kontakte - wahrscheinlich auch über die Tage hinaus. Entsprechend schmerzlich war der Abschied, die eine oder andere Träne kullerte über die Gesichter. Traurig, Tarija verlassen zu müssen, aber auch erfreut, so tolle Menschen getroffen zu haben.
Unsere Reiseplanung war übrigens an diesem Tag ein Glücksgriff: Seit Dienstag sind alle Dempartamente des "Media Luna" (= Halbmond, Provinzen, die in Bolivien mehr Autonomie gegenüber der Zentralregierung von Evo Morales fordern, u.a. auch Tarija und Santa Cruz) in Generalstreik getreten, so dass wir einen Tag später gar nicht mehr aus Tarija rausgekommen wären. Aber keine Sorge: uns geht es gut und bekommen von den Auswirkungen hier nichts mit.
Die nächsten zweieinhalb Tage sollten wir vor allem mit einem verbringen: Bus oder Auto fahren... Zunächst einmal brachte uns ein Reisebus von Tarija nach Potosi. 11 Stunden über Landstrassen - Autobahnen gibt es in Bolivien nicht und auch die Landstrassen sind nur zu einem geringen Teil betoniert, so dass es die meiste Zeit über Schotterpisten ging. Unsere Reise verlief eigentlich ganz gut, wir hatten ausreichend Platz für eine Überlandfahrt und die meisten konnten etwas schlafen. Eine Reifenpanne sorgte in der Nacht für eine ausreichend lange Pause :-). Der Reifen konnte aber in einer Werkstatt fachmännisch gewechselt werden, wovon sich der männliche Teil unserer Reisegruppe hinreichend überzeugte. Der Mechaniker wurde übrigens einfach kurzer Hand aus dem Bett geklingelt und wechselte in einer Seitenstrasse der Landstraße im Licht der Straßenlaternen den Reifen - auch das ist Bolivien.
In Potosi um 5:00 Uhr morgens angekommen begrüßten uns zwei der hiesigen Pfadfinder. Sie hatten für uns eine Zwei-Tages-Tour durch das Naturschutzgebiet um den großen Salzsee "Salar de Uyuni" organisiert. Der Bus stehe schon bereit! Wir hatten zwar über die Tour im Vorfeld gesprochen und auch ausgemacht, bereits vor unserem eigentlichen Aufenthalt in Potosi unseren "Touri-Teil" einzuschieben, aber es kam doch etwas unverhofft schnell. Zumal uns schon ein weinig der Magen knurrte. Das sei kein Problem, um 10:00 Uhr seien wir spätestens in Uyuni und könnten dort frühstücken. Nun gut, also los! Leider haben die Pfadfinder Weg und Streckenausbau etwas unterschätzt, so dass wir erst um 13:00 Uhr in Uyuni ankamen, wo man uns allerdings schon seit 9:00 Uhr erwartete und meinte, dass unsere Tour nun reichlich knapp würde. Mittagessen gab es übrigens erst in einer Stunde. Bis dahin müssten wir noch schnell ein paar Sachen für die Jeep-Tour packen und schnell los... Alles war also etwas unkoordiniert und hektisch. Die Gruppe nahm zum Glück ihr "Schicksal" an, so dass wir zwar alle genervt, müde und hungrig waren - aber dennoch weiterzogen. So waren wir also dann in zwei Jeeps in einer der bizarrsten Landschaften unterwegs, die ich bisher gesehen habe. Wüste, Felsformationen, unendliche Weite, Lama-Herden, umringt von den Bergen der Anden - und das alles auf über 4.000 Meter Höhe und strahlen blauem Himmel - eben über den Wolken. Begleitet wurden wir von unseren beiden Guides und einer Köchin, die immer wieder Hänchen, Reis, Kekse und warmen Tee aus ihren Kisten zauberte. Letzteren hatten wir auch bitter nötig: Nachdem wir es tagsüber in der Sonne mit Jacke noch gut aushalten konnten und bei unseren Stopps an besonders großen Felsen und besonders weiten Ausblicken nur der Wind kalt war, wurde es doch nach Sonnenuntergang (ab ca. 18:15 Uhr, in einer Viertelstunde ist alles erledigt – Äquatornähe eben) knackig kalt. In der Kälte ging es noch bis ca. 21:00 Uhr weiter zu unserer Unterkunft. Unser Reiseführer nannte es ein "Basiscamp" - ich würde es eher "Verschlag" nennen, denn auch für bolivianische Verhältnisse war sie sehr bescheiden. Aber auch das überstanden wir dank Schlafsäcken und wärmenden Decken sowie warmen Tee und stärkendem Essen relativ unbeschadet. Morgens um 4:30 Uhr ging es dann schon wieder aus den Federn, um uns Gesiere und den Sonnenaufgang im freien Feld anzugucken. Sehr beeindruckend und mit 4.800 Meter Höhe auch der höchste Punkt der Tour - dafür auch der kälteste (-10 Grad Celsius). Nach einem Frühstück ging es dann weiter durch den Nationalpark, vorbei an rot (!) leuchtenden Lagunen und jeder Menge freier Flamingos, die in den zahlreichen Lagunen gerade aus ihren Winterquartieren zurückkehrten. Absoluter Höhepunkt aber: Der große Salzsee "Salar de Uyuni" selbst. 12.000 Quadratkilometer reines Salz, bis zu 80 Meter tief. So weit das Auge sehen kann, nur weiß! In der Mitte eine kleine Kakteeninsel, die wir und andere als Pausenort nutzten. Kurz vor Uyuni auf dem Rückweg noch ein kurzer Stopp an dem inzwischen zwar verlassenen, aber immer noch faszinierenden Salzhotel - ein ganzes Haus nur aus Salz gebaut! Relativ pünktlich kamen wir um 19:00 am Mittwochabend wieder in Uyuni an, wo (schon wieder) unser Bus wartete. Doch dieses Mal siegte der Hunger und wir gingen erst noch etwas Essen, bevor wir uns wieder in den Bus nach Potosi setzten. Hier kamen wir dann heute Morgen um 5:00 wieder an: Müde und den Staub in (fast) jeder Körperritze sitzend. Nachdem wir im Hotel jemanden wach klingeln konnten, ging es endlich mit Ruhe auf ein Zimmer, in dem wir auf jeden Fall drei Nächte bleiben werden - und das warmes Wasser hat. Und nach knapp 60 Stunden in Bussen, Jeeps, in der Wüste und in klirrenden Kälte kann eine warme Dusche mehr Lebensgeister wecken, als vieles andere. Es bleiben dann doch die kleinen Dinge, die einem auch hier in Bolivien wieder erfreuen.
Jetzt kommen erst einmal ein paar Tage in der einstmals reichsten Stadt der Welt mit vielen ehemaligen Silberminen und natürlich auch wieder mit Pfadfindern! Ich bin sehr gespannt!
Andreas Bierod
Montag, 18. August: Oruro - Abschied
Heute war der letzte Tag in Oruro. Wir haben das Haus von Don Simón besucht, der bis zu seinem Tod 1947 “Zinnbaron” in Oruro war. Neben Minen in Bolivien besaß er auch Banken und Bahnlinien. Sein Haus, das ihm Stil des französischen Klassizismus erbaut war, ist vollgestopft mit Reichtümern, die er aus aller Welt und besonders aus Deutschland importieren ließ. Dazu gehörte auch ein elektromechanisches Orchester, das das einzig erhaltene auf der Welt ist und von einer Firma in Hamburg gebaut wurde. Die Lieder sind dabei in ein aufgerolltes Papier gestanzt, so wie man es von Drehorgeln kennt. Für einige Belustigung sorgte in unserer Gruppe, dass auf dem Stapel Papierrollen im Hause dieses Magnaten “der Sozialistenmarsch” ganz oben lag.
Don Simón soll aber auch viel von seinem Geld gespendet haben. Unter anderem an die neugegründeten Pfadfinder. So haben wir ein Foto gesehen, dass ihn 1917 mit einer großen Gruppe “Scouts” zeigt. Die Bewegung ist zwei Jahre vorher in Bolivien angekommen.
Als Kontrast besuchten wir ein Stadtviertel, in dem die Minenarbeiter wohnen. Die kleinen Häuser, in denen die Mineros in Schichten schlafen, stehen direkt neben dem Ausgang der Mine. Aus der läuft grünes Wasser raus, dass durch den Erz-Abbau mit Säure verseucht wurde, durch das Viertel der Minenarbeiter, die ganze Stadt und dann in den Oruro-See fließt.
Am Nachmittag besuchten wir das Projekt Cisep, dass versucht, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mineros zu verbessern und gleichzeitig die Umweltverschmutzung durch die Minen bekämpft.
Später am Nachmittag führten in einem Kulturcafé Pfadfinder aus Oruro die Karnevalskultur ihrer Stadt vor. Abends feierten wir in Kleingruppen in den Stämmen Abschied. Wir lassen engagierte Pfadfinder zurück, die uns ein so umfangreiches Programm geboten haben, dass nur wenige von uns es mal geschafft haben, in ein Internetcafé zu gehen oder ein bisschen Wäsche zu waschen. “Waschen” steht ganz oben auf der Wunschliste für unseren Aufenthalt in La Paz.
Marius Meyer
Montag, 18. August: 1. Station in den Süd-Provinzen - Tarija
Kurz vor unserem letzten Abend in Tarija lässt sich über den südlichsten Distrikt Bolivien nur eines sagen: Die Pfadfinder hier sind eine Wucht! Als wir am Freitagnachmittag am Flughafen ankamen wurden wir bereits herzlichst mit (echten) Blumenketten, Spruchbannern und allem was dazu gehört von ca. 50 Leiterinnen und Leitern des Distriktes empfangen. Nach einem kurzen "hallo" wurden wir alle einem Leiter zugeordnet, der uns dann zu sich nach Hause begleitete - wir schlafen hier nämlich in Gastfamilien! Nach den Tagen im Sede in Cochabamba auf jeden Fall eine spannende Erfahrung! Bei dem einen oder der anderen beschränkt sich die Kommunikation zwar auf sehr elementare Dinge wie Essen, Schlafen und den Toilletengang, aber selbst ohne gemeinsame Sprache lässt sich über Bolivien, Deutschland oder einfach auch nur das Wetter quatschen. Am Samstag war dann der große Tag für viele der Tarijeños: Wir Deutschen besuchten in mehreren Kleingruppen die 7 Stämme hier in Tarija. Alle hatten sich in den letzten Wochen darauf vorbereitet und wollten "den Deutschen" zeigen, was sie als Pfadfinderinnen und Pfadfinder so alles machen und schon können (vor allem die Wölflinge :-). Zwei zentrale Erfahrungen konnten wir aus unseren Besuchen schließen: Zum einen ist das verbindende Element des "Pfadfinder-Seins" viel stärker als jeder kulturelle Unterschied. Eine Gruppenstunde funktioniert hier in Bolivien in groben Zügen ganz genauso wie bei uns und schnell konnten wir mitspielen oder auch eigene Spiele einbringen. Zum anderen hat für die Kinder und Jugendlichen hier ihr "Pfadfinder-Sein" eine andere, vielleicht auch intensivere Bedeutung. Bei den Pfadfindern werden hier nicht nur soziale Fertigkeiten gelernt, sondern echte Dinge für das Leben: Vom Aufarbeiten des nicht immer guten Schulunterrichts in der eigenen Bibliothek, über Wertevermittlung (ganz banal z.B.: Zähneputzen), bis hin zur Stärkung des Selbstvertrauens, dass sie als Kinder bereits wichtig sind. Das alles machen wir in Deutschland zwar irgendwie auch, aber hier ist es für die Kinder und Jugendlichen irgendwie elementarer. Bleibt noch von einer richtigen tollen Gartenparty am Samstagabend zu berichten, zu der einer der Leiter eingeladen hatte. Nachdem die (gefühlte) ganze Kuh auf dem Grillrost lag und mit einigem lokalem Wein und Singani der Tag in den Gruppenstunden bequatscht wurde, gab zunächst eine Band ihren Auftritt. In der Pause jedoch wagten sich ein paar auch von uns an die Instrumente und schmettern ein paar deutsche Hits - allen voran "Flinke Hände, flinke Füße", was hier jeder (wirklich) kennt!
Es war und ist eine wirklich super Zeit hier und wir sind ein bisschen traurig, dass wir morgen schon wieder weiterfahren. Aber auch auf unserer nächsten Station werden wir wieder vieles erleben und entdecken und das wiederum versüßt und dann den Abschied schon ein bisschen.
Hasta luego, Andreas Bierod
Sonntag, 17. August: Oruro - Abstieg in die Unterwelt
Heute haben wir einen richtig guten Begegnungstag gehabt. Auf einem Militärgelände in der Stadt haben wir uns mit vier Stämmen getroffen, die mit allen Stufen komplett gekommen sind. Wir haben uns auf die Stämme aufgeteilt und dann mit ihnen Spiele gespielt, “Flinke Hände, flinke Füße” beigebracht oder ein kleines Theaterstück eingeübt.
Nach dem Mittagessen haben wir uns wieder mit vielen der Pfadfindern getroffen und die Stadt besichtigt. Unter anderem sind wir in einen stillgelegten Stollen einer 400 Jahre alten Silbermine gestiegen. Die Mineros in Bolivien müssen auch heute noch unter schwierigsten Bedingungen Erze aus dem Gebirge holen. Die Minen um Oruro sind rund 500 Meter tief. Es gibt keinen Aufzug, der die Kumpel in die Abbauschicht bringen oder das ausgebrochene Gestein über Tage bringen könnte. Viele Gänge sind nur einen Meter groß, die Arbeiter kommen nur robbend vorwärts. Das einzige Licht ist die funzelige Grubenlampe an ihrem Helm.
Morgen werden wir dann gucken, wie der Besitzer der Mine um die Jahrhundertwende gelebt hat.
Marius Meyer
Samstag, 16. August: Oruro und Sajama-Nationalpark
Gestern sind wir von Cochabamba nach Oruro ins Altiplano gefahren. Es war eine vierstündige Busfahrt über Serpentinen die Anden hinauf. Das Altiplano ist eine riesige Hochebene rund 4000 Meter hoch über dem Meeresspiegel.
Oruro liegt auf 3900 Metern. Diese Höhe macht sich bei vielen von uns bemerkbar. Jede körperliche Anstrengung – und seien es nur fünf Stufen die erklommen werden müssen – wird mit heftigem Japsen nach Luft quittiert und viele aus unserer Gruppe haben Kopfschmerzen. Das liegt daran, dass die Atemluft in dieser Höhe nur sehr wenig Sauerstoff enthält. Der Körper muss also mehr Luft durch die Lungen schleusen, um den verbrauchten Sauerstoff zu ersetzen. Außerdem ist die Luft sehr trocken. Wir haben deswegen spröde oder eingerissene Lippen und entzündete Rachen. Krass sind auch die Temperaturunterschiede: Ist es tagsüber um die 25 Grad warm, fällt das Quecksilber in der Nacht unter Null.
Heute morgen ging es dann gleich wieder in einen Bus. Fünf Stunden dauerte es, zusammen mit Leitern aus Oruro in den Sajama-Nationalpark an der chilenischen Grenze zu fahren. Der Sajama ist ein erloschener Vulkan und mit 6542 Metern Gipfelhöhe der höchste Berg Boliviens. Er gilt zwar als erloschen, dennoch ist die Region vulkanisch sehr aktiv. Es stockte schon ein bisschen der Atem, als Jup, der mit Luisa unsere Kleingruppe leitet, erklärte, dass wir seit einer ganzen Weile über einen so genannten Supervulkan fahren, der vor 100.000 Jahren zuletzt ausgebrochen ist. Außerdem konnten wir nach einer anstrengenden Wanderung auf etwa 4500 Meter über N.N. auch Geysire bewundern – und ihren Wasserdampf nutzen, um mal frei atmen zu können.
Über die Entstehung der Sajama gibt es bei den Völkern seiner Umgebung verschiedene Mythen. Einer lautet, dass größte Berg bei La Paz einem anderen Berg mit dem Schwert die Spitze abgeschlagen hat und die bis an Standort des Sajama schleuderte. Der andere Mythos besagt, dass zwei Berge den Sajama zeugten. Dieser Mythos interpretiert den Schnee auf dem Vulkan als Sperma. Von dem sei allerdings viel daneben gegangen und bildet jetzt mit dem Salar de Uyuni den größten Salzsee Boliviens.
Marius Meyer
Donnerstag, 14. August: Himmelfahrt der Pachamama
Heute sind wir - wie
fast alle Chochabambinos - nach Quillaquollo gefahren. Dort fand
heute anlässlich von Mariä-Himmelfahrt die
“Urkupiña” statt. Dabei ziehen zehntausende, in
Bruderschaften organisierte Tänzer und Tänzerinnen
durch die Straßen der Stadt. Viele Männer tragen
Kostüme, die ihren Ursprung in der vorkolonialen Zeit haben
und bis zu 50 Kilogramm wiegen können, während die
Frauen oft 60 Röcke übereinander tragen. Die
Urkupiña wurde uns als ähnlich dem Karneval in Rio
angekündigt - die Masse an Textilien spricht aber gegen
diesen Vergleich.
An dem Umzug nehmen vor allem indigene Gruppen teil, die Kostüme und Tänze erzählen die Geschichte dieser Völker. In dem starken Marienkult scheint sich der traditionelle Glaube der Andenvölker an die Fruchtbarkeitsgöttin Pachamama (Mutter Erde), der noch sehr lebendig ist, widerzuspiegeln. Am Freitag geht es dann in die Kleingruppen. Eine fliegt nach Tarija Tiefland, die andere fährt nach Oruro ins Hochland.
Marius Meyer
Mittwoch, 13. August: Cochabamba: Armut und Reichtum in einer Stadt
Bolivien ist in mehrfacher Hinsicht ein zerrissenes Land. Es ist aufgeteilt in ein vor allem von Indigenen bewohntem Hochland und ein Tiefland, in dem vor allem Nachfahren der Spanier leben. Die Distrikte im Tiefland wollen eine weitgehende Autonomie erreichen, während die Urbevölkerung hofft, unter dem Präsidenten Evo Morales, dem ersten Indio, der dieses Amt bekleidet, endlich am Reichtum des Landes beteiligt zu werden.
Und auch Cochabamba, wo wir uns gerade aufhalten, ist eine zerrissene Stadt. Während im Norden vor allem alteingesessene Cochabambinos wohnen und der Wohlstand Hochhäuser in den Himmel wachsen ließ, wuchern im Süden die Favelas die Hänge der Anden hoch. Dort wohnen Menschen, die vor den aussichtslosen Verhältnissen in ihrer Heimat im Altiplano, dem Hochland, geflüchtet sind.
Wir haben heute beides gesehen. Zuerst führte uns Vertreter der Einwohner einer Favela durch seinen Stadtteil. Der gehörte zwar noch nicht zu den ärmsten Gegenden in Cochabamba, aber fließend Wasser gibt es trotzdem nicht, das Wasser muss wöchentlich vom Tankwagen gekauft werden, ist zehnmal so teuer wie Leitungswasser in der Innenstadt und wird vor den Gebäuden in Blechtonnen gelagert. Die Bewohner dieser Stadtgebiete werden von der Stadt kaum unterstützt. Die einzige Baumaßnahme, die der Staat in den vergangenen Jahren durchführte, war ein Basketballfeld, das von der Zentralregierung bezahlt wurde. Stromleitungen haben die Bewohner auf eigene Kosten gebaut. Den Abschluss der Stadtbesichtigung bildete die Christo-Statue, die auf Cochabamba herabblickt. Sie sieht genauso aus wie die von Rio de Janeiro, ist aber ein paar Zentimeter größer als ihr ungleich bekannterer brasilianischer Bruder. Da sie auch die Höhe der Figur in Lissabon toppt, gilt sie als größte Christus-Figur der Welt.
Marius Meyer
Montag, 11. August: Campo Escuela
Heute haben wir den »Campo Escuela« der ASB in Arani besucht. Auf 15 Hektar wird dort Tara angebaut. Eine Pflanze, die nur in den Anden und in einer Höhe zwischen 1.500 und 3.000 Metern über dem Meeresspiegel wächst. Der Clou dabei: Aus den Schoten und den Samen lassen sich ökologische Konservierungsstoffe gewinnen. So sollen chemische Bestandteile von Lebensmittel ersetzt werden, die in immer mehr Ländern verboten werden.
Von dem Anbau
erhoffen sich die Pfadfinder verschiedene Effekte. Sie glauben,
dass er so erfolgreich sein wird, dass er zur Finanzierung der
ASB-Arbeit beitragen kann. Das zweite Ziel ist, dass die Menschen
in den umliegenden Dörfern diesen Erfolg sehen und selbst
anfangen, den Strauch anzubauen. So soll die Landflucht gestoppt
werden. Dies hofft auch Vincente Rojas Camacho. Der
Bürgermeister musste in den vergangenen Jahrzehnten mit
ansehen, wie fast die Hälfte der Familien seine Gemeinde
verließ. Jetzt unterstützt er das Projekt der
Pfadfinder nach Kräften und stellte 10 Hektar Land zur
Verfügung. Ein spontanes Treffen mit den deutschen und
bolivianischen Pfadfindern nutzte er, der ASB für ihr
Engagement zu danken.
Ob die Pläne gelingen, wird man aber erst in vier Jahren
sehen können. Erst dann wird das erste Mal geerntet werden.
Auf jeden Fall soll das Gelände auch für die
Bildungsarbeit und große Zeltlager der ASB genutzt werden.
Die Feuerprobe findet bereits im Dezember statt. Dann werden 2800
Rover aus Alaska bis Feuerland zum »Moot« erwartet.
Geführt wurden wir vom Nationalvorsitzenden der ASB,
Germán Rocha (Foto), der von dem Projekt so überzeugt
ist, dass er die Kosten aus eigener Tasche vorgestreckt hat.
Morgen werden wir die Stadt Cochabamba besichtigen, den
Distrikt-Minister für Bildung treffen und mit der
Nationalleitung der ASB zusammenkommen.
Marius Meyer, Foto: Marius Meyer
Sonntag, 10. August: Reisegruppe komplett
Gestern war der Tag insgesamt etwas ruhiger. Nach dem langen Flug brauchten alle eine Pause. Ein kleiner Ausflug nach Cochabamba, ein wenig flanieren, und am Ende noch einen Cafè trinken - so lässt sich gut ankommen. Seit gestern Abend sind wir auch komplett: Die restlichen vier Teilnehmenden kamen überpünktlich am Flughafen an. Heute besuchen wir ein neues großes Projekt der ASB im Campo Escuela de Arani. Ansonsten: Verpflegung ist grossartig; die Temperaturen tagsüber gut 25 Grad und nachts saukalt.
Andreas Bierod
Samstag, 9. August: Gut gelandet
Nach mehr als 30 Stunden Anreise sind alle gesund und müde in Cochabamba gelandet. Die Bolivianer empfingen uns herzlich, waren aber ungewohnt hektisch. Der Grund: Das Referendum über Staatspräsident Evo Morales. Auto fahren war am Sonntag strikt verboten. Unsere Gastgeber mussten sich also sputen, um uns sicher ins Nationalzentrum zu bringen, um selbst dann noch vor Mitternacht zu Hause zu sein.
Dennoch wurden wir herzlich aufgenommen. Nach der langen Anreise war uns sowieso nicht mehr nach langen Gesprächen. Wir naschten also noch vom reichhaltigen Obst- und Brotbuffet und verschwanden schnell in unseren Schlafsäcken. Morgen machen wir uns mit ein paar Bolivianern in Kleingruppen auf in die Stadt - sehr gespannt, was uns erwartet.
Andreas Bierod
Freitag, 8. August: Drei Wochen durch Bolivien
Eine Gruppe Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus der DPSG besucht Bolivien ab heute bis 31. August. Sie werden das Land erkunden und die Partnerinnen und Partner der Asociación de Scouts de Bolivia treffen. Unregelmäßig wird die Gruppe an dieser Stelle über ihre Erlebnisse berichten.
Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder reisen in ein Land voller Spannungen. Der wegen seiner Reformpolitik umstrittene Präsident Evo Morales hat das Referendum überstanden, er kann damit bis Ende 2011 regieren. Kern des Konflikts in Bolivien ist Morales’ Versuch, den Wohlstand aus dem rohstoffreichen Osten und Süden des Landes zugunsten der zumeist im westlichen Hochland lebenden Indios umzuverteilen. Die reichen Provinzen wehren sich dagegen und haben teilweise ihre Autonomie erklärt.


